Stellenwert des Coaching bei ADHS
Im Folgenden scheint es so, als kämen die Psychotherapie und die Medizin im Allgemeinen schlecht weg. Dem ist nur auf dem Gebiet des Coaching, des Trainings, so. In ihren ureigenen Feldern ist „Die Medizin“ absolut unverzichtbar und hat einen zentralen Stellenwert bei Problemlösungen rund um ADHS! Krisenintervention, Differentialdiagnostik, Behandlung von körperlichen und seelischen Folge- und Begleiterkrankungen sind ihr Gebiet. Zudem ist häufig genug eine passgenaue Medikation die Voraussetzung für ein erfolgreiches Coaching. Die Zusammenarbeit im Dreieck Arzt-Coach-Trainee/Patient ist einer der Schlüssel zum Erfolg. Auch die Selbsthilfe ist und bleibt ein wichtiger Pfeiler. Das Gefühl aufgehoben zu sein, zusammen mit einer oft hochqualifizierten Beratung und einfachen Zugang: Das ist kaum zu schlagen! Es stellt sich die Frage, was es beim „Coaching nach Beerwerth und Frank“ für Besonderheiten gibt, die es von unterschiedlichen Therapieformen, insbesondere der Verhaltenstherapie abhebt. Was ist anders als bei einer Beratung, etwa im Zusammenhang der Selbsthilfe. Überschneidungen gibt es, muss es geben. Wir werden uns damit im Folgenden unter lernbiologischen Gesichtspunkten befassen. Dass bei ADHS gestörte dopaminerge System ist entscheidend bei der Steuerung der Aufmerksamkeit, der Motivation und der Ablage in das Gedächtnis beteiligt. Daraus ergeben sich besondere Anforderungen an jede Form der Hilfestellung, welche die Selbständigkeit des Patienten/Klienten /Trainee zum Ziel hat. Coaching nach Beerwerth/Frank macht sich diese Erkenntnis zu nutze.
1) DiagnostikWissen was los ist, muss man vor jeder hilfreichen Maßnahme. Eine Übersicht, der Problemlage, wird sowohl der Therapeut, die Leitung der Selbsthilfegruppe, als auch der Coach benötigen. Basis des Coaching ist die Diagnostik unter besonderen Gesichtspunkten. Anders als vor einer Therapie wird nicht nach „Störungen“ (Persönlichkeitsstörung, Subtyp des ADHS, Depression usw.) gesucht und klassifiziert. Nein, es geht vielmehr um folgende Kriterien: Ressourcen, Pläne, Träume, Möglichkeiten- gesundheitlich, geistig und finanziell. Im Gegensatz zur medizinischen Diagnostik ist diese also beim Coaching stärkenorientiert und bezieht die Umgebung, also Familie, Arbeitsplatz usw., ein. Neugier auf die Möglichkeiten ist die Motivation für Trainer und Trainee. Neugier ist zugleich eine der häufigsten und herausragenden Stärken bei Menschen mit ADHS. Anders als bei der Selbsthilfe und beim Therapeuten geschieht die Diagnostik vorzugsweise am Ort des Geschehens, im Arbeitsumfeld. Das Besondere an der Vorgehensweise ist, dass damit unmittelbar eine Übersicht über die Möglichkeiten der positiven Lebensbewältigung gemeinsam erarbeitet wird. So wird eine fundierte Beratung und ein individuelles Training möglich. "Gemeinsam" ist das Stichwort. Schon in dieser Phase wird das Coaching mit positiven Emotionen verbunden und eine echte Arbeitsgemeinschaft von Trainer und Trainee gegründet. Das ist speziell bei Menschen mit ADHS mit ihrem schwachen Belohnungssystem (welches dopaminerg gesteuert wird) essentiell für spätere Erfolge. Lernen können sie nur unter einer Verknüpfung mit positiven Empfindungen. Dazu benötigen sie oft eine weitere Person, wegen ihrer unzureichenden Impulssteuerung.
2) BeratungBeraten wird in der Selbsthilfegruppe, in der Therapie und im Coaching, wobei sich die Methoden deutlich unterscheiden. In der Therapie wird störungsbezogen beraten, wobei, wie überall in der Medizin, vom Regelfall auf den Einzelfall geschlossen wird. Das ist an sich bewährt, auch notwendig um schnelle Hilfe in Krisensituationen herbeizuführen. Diese Art des Vorgehens führt bei ADHS leider oft in die Irre, wie bei anderen chronisch lebensbegleitenden Erkrankungen auch. Es gelingt nur in Ausnahmefällen, die komplizierenden Begleit- und Folgeerkrankungen, sowie die häufigen Teilleistungsstörungen ausreichend zu berücksichtigen. Dann ist es auch so, dass die Ressourcen so individuell verschieden sind, dass diese Form der Beratung erfahrungsgemäß an den Problemen hängen bleibt, ohne für den Alltag geeignete Lösungen anbieten zu können. Der Vorteil ist, dass bei einer guten Therapie die Beratungseinheiten häppchenweise im therapeutischen Prozess eingebunden sind und so gut „hängen bleiben“. Die Beratung in der Selbsthilfe kann deutlich näher am Menschen sein, ist normalerweise „authentischer“. Notwendig dafür ist aber, dass der Berater eine ähnliche Problemlage selber erlebt hat und zudem über vergleichbare Ressourcen oder Kompensationsstrategien verfügt. Das ist nicht immer gegeben. Größere Selbsthilfegruppen, etwa die in Münster, versuchen, dem gerecht zu werden, indem ein Ratsuchender in der Gruppe gezielt mit geeigneten Gesprächspartnern bekannt gemacht wird. Dieses, auf die Stärken und unkonventionelle Lösungen abzielende Verfahren kann sehr wirkungsvoll sein. Die dabei entstehende menschliche Nähe, die tiefe Einfühlung helfen das Beratungsergebnis gut im Gedächtnis zu verankern. Kleine Selbsthilfegruppen und solche mit einer klassischen Gesprächsführung (Stuhlkreis) können Probleme mit dieser Form der Hilfestellung haben. Im Coaching wird ein ganz anderes Verfahren gewählt, was die Schwächen oben genannter Beratungsformen vermeidet. Wie in der Einzeltherapie ist hier Beratung ein Geschehen während des laufenden Prozesses. Anders als beim Therapeuten geschieht sie aber vor Ort und ist mit der Arbeit und täglichen Erfordernissen unmittelbar und handfest verbunden. Wo immer möglich, wird ein „mach das so und so“ vermieden. Eine Lösung, auf die der Trainee selber kommt, wird er nicht nur verinnerlichen, sondern sie wird auch im Bereich seiner Möglichkeiten liegen. Wie in der Selbsthilfe ist die Beratung „geerdet“ und auf die Stärken bezogen.
3) PsychoedukationPsychoeduktion bedeutet in diesem Fall Ausbildung oder Unterricht, um Kenntnisse über ADHS zu erlangen. Dieser Fachbegriff stammt aus der Verhaltenstherapie. Therapie, Coaching und Selbsthilfe ergänzen sich dabei. Durch die Aufmerksamkeitsstörung gibt es Probleme der Wissensaneignung. Wegen der Neigung sich in etwas hineinzusteigern gibt es noch ernstere Probleme, gewonnenes Wissen richtig einzuordnen. Darum, so die Erfahrung, kann unsachgemäße Psychoedukation bei Menschen mit ADHS beträchtlichen Schaden anrichten. Die höchste Hürde ist, Gelerntes in sinnvolles Handeln umzusetzen. Das liegt zum einen an der störungsbedingt eingeschränkten Motivation (Belohnungssystem insuffizient), zum anderen liegt es am ebenfalls störungsbedingten Planungs- und Handlungsdefizit. Die Gruppentherapie, etwa nach dem Therapiemanual von Prof. Hesslinger (Hesslinger B, Philipsen A, Richter H: Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter. Ein Arbeitsbuch. Hogrefe Verlag, Göttingen, 2003.), ist, was die Wissensvermittlung angeht, ein bewährtes Verfahren. Ein Maximum an störungsbezogenem Wissen wird in einem Minimum an Zeit angeboten. Endlich zu „wissen was mit mir los ist“ wirkt so befreiend, dass die Inhalte erstaunlich gut im Gedächtnis bleiben. Die Schwäche ist eine unzureichende Einordnung in die individuellen Möglichkeiten und Lebenszusammenhänge. Dem wird in der genannten Therapie dadurch begegnet, dass parallel in Gesprächsgruppen gearbeitet wird. Ob das gelingt, hängt weniger an den Therapeuten, als daran, ob sich unter den Patienten genügend „alte Hasen“ befinden. Die entstehende Gruppendynamik hilft darüber hinaus bei der Verankerung des Wissens. Selbsthilfegruppen haben hier ihre wesentliche Stärke. „Alte Hasen“, die nicht nur wissen wie Jäger riechen sondern auch wie Schrot sich anfühlt, die gibt es genau hier. Tücken und Fallstricke sind ihnen ebenso vertraut wie unerwartete Erfolgsgeschichten. Viele Gruppen organisieren zudem einen Lehrbetrieb. Meistens geschieht das durch einige Vortragveranstaltungen im Jahr. Das Coaching greift in einigen Sonderformen auf die Methode, wie für die Therapie beschrieben, zurück. Häufig sind das aber Angebote, die, so hilfreich sie sind, unter falscher Flagge segeln. Ein Elterntraining üblicher Machart (wie von Frau Neuhaus etabliert) beispielsweise ist kein Coaching im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern Ausbildung plus moderierter Selbsthilfegruppe. Das schmälert den Nutzen keineswegs! ALs Verfahren der Psychoedukation ist es zeitlich begrenzt. Es handelt sich dennoch um die bewährteste Hilfsmaßnahme bei einem ADHS der Kinder. Meistens ist beim klassischen Coaching, dem Einzelcoaching, die theoretische Wissensvermittlung als Unterricht weder bezahlbar noch sinnvoll. Hier wird auf andere Anbieter, wie therapeutische Einrichtungen oder die Selbsthilfe zurückgegriffen. Was das Coaching aber in idealer Weise leistet, ist die Umsetzung des Wissens in praktisches Tun. Ein direkter Handlungsbezug wird in der jeweiligen Situation hergestellt. So wird theoretisches Wissen zu aktivem Handlungswissen und bleibt damit unverlierbar im Gedächtnis. Der Schwerpunkt liegt ohnehin dort. Statt Theorie wird Problemlösung gelernt. Voraussetzung dafür ist fundiertes Wissen über ADHS und die entsprechende Didaktik (die Lehre vom Lehren) beim Trainer.
4) TrainingCoaching, also Training wie im Sport, hat der Methode ihren Namen gegeben. Es handelt sich um das Kernstück. Einüben von Fertigkeiten gehört auch zu Therapieformen und allgemein zur Pädagogik. Damit es funktioniert, sind nach den Ergebnissen der modernen Neurobiologie Voraussetzungen zu beachten, die (wen wundert es?) identisch sind mit bewährten Trainingsmethoden im Sport und der betrieblichen Ausbildung. Das findet sich im „Coaching nach Beerwerth und Frank“ wieder, angepasst an das Naturell der Menschen mit ADHS. Es arbeitet mit Mitteln, die alt sind wie die Menschheit und doch brandaktuell. Gelernt wird am besten bei dem Gefühl einer leichten Überforderung, wobei das „Dann habe ich es doch noch geschafft!“ für bleibende Motivation sorgt. Menschen mit ADHS erzeugen dieses Gefühl oft bewusst, indem sie den Beginn der Arbeit so weit herausschieben, bis sie kaum noch zu schaffen wäre. Der Coach nutzt das jede Stunde auf ein Neues, indem er mit seinen Klienten Aufgaben angeht, von denen der sich überfordert fühlt, um sie dann unter Anleitung doch noch selber zu erledigen. Motivation ist ein ständiges Thema bei allen Menschen, umso drängender aber bei bestehendem Dopaminmangel. Gelernt wird am besten in einem angstfreien, mit positiven Gefühlen besetzten Klima. Dafür ist der sehr auf die Stärken bezogene Stil des Coaching ebenso wichtig wie die vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre. Humor ist ein wichtiger Faktor dabei. Lachen ermöglicht neue Lösungswege und verankert sie. Angst blockiert. Moderne neurobiologische Erkenntnisse sind deckungsgleich mit dieser uralten Einsicht. Fertigkeiten verlangen nach ständiger Übung. Im Gehirn müssen neue Bahnen eingeschliffen werden. Die Neurobiologen sprechen wortwörtlich von „Bahnung“. Das funktioniert in keiner Weise über Pauken theoretischen Wissens, sondern nur durch Üben, Üben, Üben. Das muss am Ort des Geschehens statt finden. Beim Sport ist das im Stadion, im Boot, im Sattel. Beim Coaching sind die Trainingsfelder der Arbeitsplatz oder die Wohnung. Andernfalls ginge es wie bei mancher Therapie, die nur im Therapiezimmer funktioniert. Wissen wird am besten durch handfeste (wörtlich gemeint) Anwendung verankert. Den Trainee selber machen lassen, ist das Rezept des Coaching. Hilfreich sind dabei immer wieder Korrekturen. Der enge menschliche Kontakt zwischen Coach und Trainee auf „gleicher Augenhöhe“ sorgt dafür, dass die besonderen Stärken des ADHS wie Personenbezogenheit und Neugier nutzbar werden. So gelingen die zum Lernen notwendigen Erfolgserlebnisse. Zusammengefasst macht Coaching das, was die Verhaltenstherapie eigentlich will, woran sie aber bei ADHS aus störungsbedingten Gründen meistens scheitert. Der Einwand, „Coaching nach Beerwerth und Frank“ beschäftige sich nur mit den Feldern Lebensplanung, Ordnung und Struktur ist nicht unberechtigt, auch wenn die Zusammenarbeit zwischen Menschen, also die Teamfähigkeit, geübt wird. Das Hauptproblem vieler Menschen mit ADHS liegt mehr bei ihren unkontrollierbaren Emotionen. Besonders der Kontakt mit Gruppen von Menschen führt bei ihnen zu Komplikationen. Hier hilft das Einzelcoaching allenfalls indirekt, indem es Kräfte, die sonst auf anderen Feldern (Zeit-, Selbstmanagement) verschwinden, freisetzt. So erhält der Klient die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Direkt hilfreich in Sachen Emotionskontrolle ist ein anderes Verfahren, welches mit demselben lerntheoretischen Hintergrund arbeitet. Es kommt aus der Theaterpädagogik, und ist auf ADHS angepasst: „Theater um ADS“ nach Herzog. Erste Erfahrungen zeigen, dass es hoch wirksam ist. Der Pädagoge ist mehr Trainer als Lehrer. Die Übungen drehen sich vorwiegend um Emotionskontrolle, Impulskontrolle und Selbstwahrnehmung. All das macht viel Freude, geschieht in der Gruppe und ist extrem stärkenorientiert. „Theater um ADS“ wird sich einen festen Platz erobern! Was kann die Selbsthilfe in Sachen Training? Außer für die ehrenamtlich Aktiven sehr wenig. Darum wurde die Forderung nach einem ADHS-spezifischem Coaching aus der Selbsthilfe gestellt. Wie sieht es bei der Therapie aus? Tiefenpsychologie hat einen ganz anderen Ansatz. Verhaltenstherapie möchte den Patienten trainieren, das ist von Anfang an ihr Ziel. Die Therapeuten sind aber zumeist in einer unguten Lage, da fast alle defektorientiert arbeiten und im Sprechzimmer gefangen sind. Anspruch und Realität klaffen weit auseinander. Störungsspezifisch benötigt ein Mensch mit ADHS einen guten Lehrer in einer geeigneten Umgebung.
5) LangzeitbetreuungLangzeitbetreuung ist das Metier der Selbsthilfe. Sie leistet das umsonst und niederschwellig. Hier hat sie eine wesentliche Stärke. Der Therapeut kann und soll ebenfalls Kontakt mit dem Patienten halten. Das ist bei ADHS wichtig, um ihm im Fall einer Krise schnell zur Seite stehen zu können. Das auf akute psychische Erkrankungen zugeschnittene Abrechnungssystem in Deutschland ist dabei nicht förderlich. Coaching muss den Langzeitkontakt suchen, da das eingeschliffene Wissen/Verhalten immer wieder erweitert und aufgefrischt werden sollte. Der Abstand der Termine verlängert sich aber immer mehr. Das ist wie im Leistungssport und hat etwas mit der Lernbiologie zu tun. Wie in der Selbsthilfe wird gleichzeitig dafür gesorgt, dass ein kompetenter Ansprechpartner da ist, bevor Probleme mal über den Kopf wachsen.
Beerwerth/Beerwerth (2008)
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